06.07.2004 - Die Niagara Fälle

Der Shuttle-Bus bringt uns vom Campingplatz zu den Falls. Neben uns rauscht der Fluss und bricht sich weißschäumend in unzähligen Stromschnellen. Wir halten geradewegs auf eine gigantische Nebelwand zu. Als wir sie erreichen, stoppt der Bus. Wir steigen aus. Ein tiefes, bedrohliches Grollen erfüllt die Luft. Wir gehen auf die Nebelwolke zu, da dreht der Wind und weht sie zu uns herüber. Wir sind sofort klitschnass. Neben uns springen Leute zurück, andere haben sich Plastikponchos übergeworfen, aber dies ist kein Platz für Weicheier. Wir kämpfen uns vorwärts, Wasser tropft von unseren Haaren, der Wind zerrt an den nassen Klamotten. Wir versuchen wenigstens die Kameras unter unseren T-Shirts trocken zu halten. Endlich stehen wir ganz vorn. Nur noch ein kleines Mäuerchen trennt uns jetzt noch von den Wassermassen, die ungebändigt in die Tiefe stürzen. 54 Meter freier Fall. 170 Millionen Liter Wasser pro Minute. Warntafeln erinnern daran, dass es gefährlich ist, über die Mauer zu klettern, aber jetzt treibt der Wind die Nebenwolke gerade für einen Moment in die andere Richtung, also schnell die Kamera gezückt für DAS Foto. Hinauf auf die Mauer, die ersten Tropfen prasseln bereits wieder auf das Objektiv. Scharfgestellt, abgedrückt und schnell zurück hinter die Mauer, während die Kamera bereits wieder unter dem T-Shirt verschwindet, das bereits nass am Körper klebt.

Wer an den Niagara Fällen trocken bleibt, macht irgendetwas falsch. Denn wenn schon Wasserfall, dann richtig. Und doch scheinen viele hier anderer Meinung zu sein, denn zumindest auf der kanadischen Seite ist der Wasserfall geradezu nebensächlich geworden. Hier har sich eine Art Mini-Disneyworld entwickelt, mit Spidermann-Achterbahn, Vampirschloss, Wachsmuseum und unzähligen anderen Attraktionen. Hinzu kommen mehrer Spielcasinos, ein Hardrock Cafe, Planet Hollywood und diverse Restaurants für jeden Geschmack und Geldbeutel.
So geraten die Niagara Falls fast ein wenig ins Hintertreffen, und das haben sie weiß Gott nicht verdient. Direkt neben dem Wasserfall zu stehen und diese Urgewalt quasi hautnah zu erleben, das hat etwas geradezu Hypnotisches. Keine Achterbahn und keine Freakshow kann da mithalten.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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