05.10.2004 - Hobbiton

Eines Abends klingelte es an der Tür der Alexanderschen Farm inmitten der fruchtbaren Waikato Region. 'Wir werden Herr der Ringe verfilmen', erklärten die Besucher, 'und würden einige Szenen gern auf Ihrer Farm drehen.' Aber Alexander zeigte sich wenig begeistert. 'Wir gucken gerade Rugby. Kommt später noch mal wieder.' 'Aber wir sind eine große amerikanische Filmproduktion!' 'Und ich gucke gerade Rugby!' So soll das erste Gespräch zwischen New Line Cinema und einem der Alexander-Brüder verlaufen sein, nachdem die Location Scouts bei einem Überflug über die Farm den idealen Partybaum für Bilbos Abschiedsfeier entdeckt hatten. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten wurde man sich doch noch einig und so wurde aus einer Schafsweide Bilbos und Frodos zu Hause. Denn das Gelände bot nicht nur den idealen Partybaum, sondern eignete sich auch wunderbar, um ganz Hobbiton erstehen zu lassen, inklusive Wassermühle, Kornfeldern und den berühmten Erdhöhlen der Hobbits.
Eigentlich sah der Vertrag vor, dass nach Dreharbeiten alles wieder in seinen Originalzustand zurückversetzt werden sollte, doch an dem Tag, an dem die Arbeiter anrückten, regnete es gerade in Strömen, so dass man die Aufräumarbeiten auf später verschob. Und dann wohl irgendwie vergaß. Also kamen die Alexanders auf die Idee, den Set touristisch auszuwerten, schlossen einen weiteren komplizierten Vertrag mit der Filmproduktion und können sich heute rühmen, den einzigen Herr der Ringe - Drehort präsentieren zu können, der noch als solcher zu erkennen ist. Anfangs rechneten sie mit ein paar Besuchern pro Woche, heute transportieren sie die Fans mehrmals täglich mit Bussen zum Schauplatz. Auch uns.
Wir kommen mit einem Privatcoach, der praktisch unser gesamtes Tagesbudget verschlingt. Aber man gönnt sich ja sonst nix. Natürlich regnet es wieder, aber als wir Hobbiton erreichen, bricht tatsächlich für eine halbe Stunde die Sonne durch, vertreibt den Regen und beschert uns blauen Himmel. Ich glaube, die Macht ist mit uns (ach, nein, das ist ja ein anderer Film).
Auch wenn von den Hütten nur noch die nackte Fassade zurückgeblieben ist, so ist es für uns Vollblut-Herr der Ringe-Fans etwas ganz Besonderes, den Weg entlang zu gehen, auf dem Gandalf für die Kinder ein Feuerwerk entzündete, vor dem Haus zu sitzen, in dem Bilbo wohnte, neben der Partywiese zu stehen und den mächtigen Baum zu bewundern, den See zu sehen, über den einst eine Brücke gespannt war oder die Wiesen, die die Kornfelder waren, in denen Frodo und Sam ihre Wanderung begannen.
Bis zu vierhundert Mitarbeiter haben hier einst zum Leben erweckt, wovon ich als Kind nur geträumt habe. Und mit mir Millionen von anderen. Wie zum Beispiel der damals 18jährige Peter Jackson, der Herr der Ringe während einer Zugfahrt durch die Nordinsel Neuseelands las und die draußen vorbeiziehende Landschaft in seiner Fantasie bereits mit Orks und Elben und Hobbits bevölkert sah.
Heute sind diese Fabelwesen wieder aus Neuseeland verschwunden. Geblieben sind Schafe und Kiwis. Und Touristen, die sich gar nicht satt sehen können an dieser einmaligen Landschaft, die auch ohne Hobbits großartig ist. Die sich aber auch an dem Gedanken erfreuen, dass diese Landschaft einst Hobbits beherbergt haben könnte. So sind Touristen halt. Und so sind wir.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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