08.10.2004 - Waitomo Caves

Lautlos gleitet unser Boot über den spiegelglatten See. Es ist eine windstille Nacht. Über uns funkeln die Sterne. - Ein idyllisches Bild, allerdings mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern, denn erstens fahren wir nicht über einen See, sondern einen unterirdischen Fluss inmitten eines ausgedehnten Höhlensystems. Zweitens ist nicht Nacht, sondern helllichter Tag. Und drittens glitzern über uns keine Sterne, sondern über 5.000 Glühwürmchen, die von der Höhlendecke hängen. Ansonsten aber stimmt das Bild.
Wir sind in Waitomos Glowworm Cave, in der die Arachnocampa luminosa zu Hause ist, eine Glühwürmchenart, die nur in Neuseeland zu finden ist. Was an der Höhlendecke leuchtet ist allerdings kein Wurm, sondern die Larve einer Mücke. Mit dem Licht, das sie produziert, lockt sie Insekten an und fängt diese, ähnlich wie Spinnen, mit klebrigen Fäden, die von ihrem Nest herabhängen.
Zu sechst sitzen wir in einem Aluminiumboot und bewundern die vielen kleinen Leuchtpunkte über unseren Köpfen. Es ist 9.30 Uhr morgens, wir haben die erste Besichtigungstour gewählt und fahren gleich weiter zur zweiten Höhle, der Aranui Cave. Wie gut die Entscheidung war, etwas früher aufzustehen, erkennen wir, als wir die Höhlen wieder verlassen: ein halbes Dutzend Reisebusse spuckt Scharen von Asiaten aus. Darauf können wir nun wirklich verzichten.
Die Aranui Cave haben wir ganz für uns allein, und wir werden sogar mit dem Auto dorthin gefahren, weil wir ja nur Fahrräder haben. Hier gibt es zwar keine Glühwürmchen, dafür aber wunderschöne Stalagmiten und Stalaktiten (oder so ähnlich). Unser Führer zeigt uns all die wunderschönen Gebilde und erklärt ein wenig über deren Entstehung, aber die meiste Zeit über reden wir über die unterschiedlichen Lebenseinstellungen der Deutschen und Neuseeländer. Wir reden über Polynesier und Europäer, über Arbeit und Freizeit, über das englische Commonwealth, über den Irak-Krieg und über Amerika und ich muss sagen, dass unsere Weltbilder doch sehr ähnlich sind. Der typische Neuseeländer, so erfahren wir, verabscheut Stress und lebt in einer wenig konsumorientierten Gesellschaft. Arbeit und Beruf ist nicht alles, viel wichtiger ist es, eine gute Zeit zu haben ('have a good time'). Wir glauben, tief in uns drin, sind wir mehr Neuseeländer als Deutsche.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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