31.12.04 - Sylvesternacht

Wenn es nass und kalt wäre, regnen würde und stürmen und wir mit hunderten besoffener Halbstarker frierend im Freien stehen würden, die Stunden zählend, die es bis Mitternacht noch auszuharren gäbe, schließlich die Nacht einbräche und die ersten Böller achtlos in die Menge geworfen würden, vor Füßen, Körpern, Gesichtern explodierten, während sich langsam die Agressionen aufstauten und schließlich in einer ungebändigten Wut eskalierten, in der die Mengen übereinander herfielen und sich zerfleischten, wenn all dies eine typische Sylvesternacht in Sydney wäre, würden wir sie bestimmt nicht schon zweiten Mal erleben wollen.
Da dem aber nicht so ist, sich stattdessen hunderte von Menschen schon morgens auf den Weg in den Park machen, von dem aus man einen so wunderbaren Blick auf das Opernhaus und die Hafenbrücke hat, sich alle gemütlich auf Decken ausbreiten, Picknickkörbe entladen und beginnen, die Sonne zu genießen, bis diese irgendwann langsam hinter der Skyline versinkt, allmählich statt Eiscreme und Milchshakes die ersten Biere und Weine gekauft werden, die ersten Hotdogs und asiatischen Reisgerichte, während sich ganz langsam die Nacht über der Stadt zusammenzieht, und es plötzlich auch schon neun Uhr abends ist und das erste Feuerwerk mit lautem Countdown aus hunderten von Stimmen eingeleutet und schließlich bestaunt, bewundert, bejubelt wird, während immer noch weitere Menschen hinzustoßen, sich ihr Plätzchen suchen, bis jedes Stück Grün mit Decken, Handtüchern oder Jacken belegt ist, auf denen Menschen aus aller Welt friedlich nebeneinander sitzen, erzählen, lachen oder einfach die Athmosphäre genießen, den Blick auf die unzähligen Boote im Hafenbecken, das glitzernde Opernhaus und dahinter die im Dunklen liegende Hafenbrücke, so dass schließlich auch die letzten drei Stunden wie im Fluge vergehen, sich schon fünfzehn Minuten vor Mitternacht alle von ihren Plätzen erheben, die Blicke magisch vom Hafen angezogen und ganz langsam aus hunderten von nicht mehr warten könnenden Mündern ein Jubel erklingt, der den Park erfasst, von einem zum anderen weitergegeben wird, als könnte man die Zeit damit beschleunigen oder vielleicht doch lieber verlangsamen, um den Moment bis in alle Ewigkeit genießen zu können, und doch schließlich der alles entscheidende Countdown von tausend Stimmen angezählt wird, die schließlich in einem Jubel aufbranden, der ein gigantisches Feuerwerk zum Leben zu erwecken scheint, begleitet vom Funkeln unzähliger Blitzlichter, die Glühwürmchen gleich durch das Hafenbecken schwirren, während jedes einzelne Haar an jedem Körper von der gleichen Gänsehaut erfasst fast das Atmen vergessen lässt und sich der Moment für immer ins Gedächtnis brennt, da all dies so ist, sitzen auch wir ab Mittag unter einer schattigen Palme und lassen die Zeit an uns vorüberziehen.

(In Erinnerung an Franz K.)

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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