25.01.05 - Thaipusam

Die gute Nachricht: es blutet kaum. Trotzdem ist es nicht unbedingt ein erquickender Anblick, wenn sich jemand die Wangen mit einem Metallspieß durchstechen lässt, oder die Zunge oder die Lippen. Nein, wir sind nicht in einem Piercingstudio, sondern in Little India. Heute ist Thaipusam, ein Hindufest, bei dem sich hunderte von gläubigen Hindus zu Ehren eines ihrer Götter 'piercen' lassen. Und wir sind mitten drin.
Größtes Zeichen religiöser Demut ist hier und heute das Tragen eines 'Kavadi' genannten, bunt verzierten Metalltorsos, den die Büßer über eine Strecke von drei Kilometern quer durch die Stadt tragen. Allerdings nicht mit den Händen, sondern auf den Schultern. Um dem Ganzen mehr Stabilität zu verleihen, werden die Kavadis mit dutzenden Metallspießen am Körper der Büßenden verankert. Eine Prozedur, die nichts für zarte Gemüter ist.
Wir sind am Startpunkt der Zeremonien, einem Hindutempel in Little India. Der intensive Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft und beißt in den Augen. Laute, rythmisch treibende Musik durchflutet den Tempel. Hunderte von Menschen laufen zwischen den Büßenden umher, machen Fotos, telefonieren, essen. Familien und Freunde der Kavadi-Träger sitzen festlich gekleidet auf dem Boden und singen oder beten oder warten einfach ab, bis es endlich losgeht. Der Träger selbst scheint von alledem nichts zu bemerken. Natürlich schmerzt es, wenn ein Stück Metall unter die Haut gestochen wird. Manchen steht der Schmerz ins Gesicht geschrieben. Doch die meisten schaffen es, ihn zu verdrängen. Und es blutet, wie gesagt kaum. Wenn doch, dient ein wenig Asche als Antiseptikum. Sterilisiert werden die Spieße mit Bananensaft.
Ist schließlich der Kavadi fest verankert, marschiert der Büßer los. Seine Anhänger folgen ihm. Den ganzen Tag und auch die Nacht über folgt eine Prozession nach der anderen einer abgesteckten Strecke durch die Stadt, während der normale Straßenverkehr an ihnen vorbeizieht. Am Anfang der Strecke wird noch wild getanzt und gesungen. Wem der Kavadi zu leicht ist, der geht auf Nagelschuhen. Die Fußsohlen natürlich auf den spitzen Enden der Nägel. Am Ende der Strecke wird es ruhiger. Ist der Zieltempel endlich erreicht, heißt es warten, bis auch die letzte Stange aus der Haut gezogen ist. Und die Gesichter der Büßenden, was zeigen sie jetzt? Erleichterung? Erschöpfung? Stolz? Eigentlich nichts von alledem. Glauben ist etwas Persönliches. Buße auch. Bestimmt werden sie nächstes Jahr wieder marschieren. Aber dann wahrscheinlich ohne uns. Schade.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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