18.08.2004 - Frischer Lachs

Der Wells Gray Park ist von vielen Flüssen durchzogen, die in wilden Stromschnellen und Wasserfällen zu Tal stürzen. Wir haben uns vorgenommen möglichst viele davon anzusehen und sind bereits früh unterwegs. Auf der Fahrt zu unserem ersten Stopp läuft - schon wieder - ein Bär vor uns über die Straße und verschwindet im Unterholz. Der Tag fängt ja gut an! Und er bleibt so gut, denn wir haben das Glück, gerade zur richtigen Zeit hier zu sein, um die Lachse springen zu sehen. An Bailey's Chute, einer Reihe schneller und steiler Stromschnellen, kämpfen sie sich gegen die Strömung. Immer wieder schießt einer von ihnen aus dem Wasser und fliegt ein Stückchen den Fluss hinauf. Doch kaum landet er wieder im Wasser, reißt die Strömung ihn wieder zurück. So sehr wir den Lachsen auch die Daumen drücken und so sehr wir auch gespannt die Luft anhalten, wenn es wieder einer von ihnen versucht, die Strömung ist stets stärker.

Heute ist ein recht heißer Tag. Keine Wolke am Himmel, die Sonne scheint. Es ist ein bisschen schwül, aber das hält uns nicht davon ab, die Ersteigung eines kleinen Berges zu wagen, von dem wir uns eine gute Aussicht versprechen. Wir glauben irgendwo gelesen zu habe, dass der Trail nur einen Kilometer lang ist und das kann man ja gut zwischendurch mal wandern. Also machen wir uns auf den Weg. Wir haben 1,5 Liter Wasser dabei, die viel zu schnell leer getrunken sind. Der Weg den Berg hinauf zieht sich endlos in die Länge. Erst im Nachhinein erfahren wir, dass er nicht einen, sondern knapp vier Kilometer lang ist. Doch noch sind wir guter Dinge, denn noch haben wir die dunklen Wolken nicht gesehen, die sich am Horizont zusammen ballen. Doch dann hören wir den ersten Donner. Ein Gewitter in den Bergen ist kein Spaß. Ein Gewitter im Wald auch nicht. Es folgen weitere Donnerschläge, aber die klingen noch weit entfernt. Trotzdem möchte Regina lieber umkehren. Zur Zeit lodern in BC knapp 400 Waldbrände, und sie möchte nicht Teil eines weiteren sein. Ich sehe mich um. Überall um uns herum recken sich verkohlte Baumstümpfe in die Höhe. Der Blitz schlägt nie zweimal in den selben Ort ein. Sagt man. Es donnert erneut. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Wolken. Wir einigen uns darauf, noch 10 Minuten weiterzugehen. Wenn wir dann den Gipfel noch nicht erreicht haben, kehren wir um. Zehn Minuten vergehen, der Gipfel ist nicht erreicht. Aber er kann nicht mehr weit sein, da bin ich mir ganz sicher. Jetzt umzudrehen, wäre idiotisch, so kurz vor dem Ziel.
Wir drehen um. Erste Regentropfen fallen auf uns herab. Wind kommt auf, Bäume biegen sich und knarren unheimlich. Ein weiterer Donner. Dann öffnen sich die Schleusen und es schüttet auf uns hinab. Schon nach kurzer Zeit sind wir klitschnass. Nach ein paar Metern muss ich meine Brille absetzen, die ich heute statt Kontaktlinsen trage. Die dicken Regentropfen auf den Gläsern machen mich noch blinder, als ich ohnehin schon bin. Also geht Regina vor und ich stolpere hinter ihr her.
Als wir endlich unser Auto erreichen, hört es auf zu regnen. Was für ein Timing! Nass wie wir sind, fahren wir zurück zu unserem Zelt. Wir sind fest davon überzeugt, dass der Gipfel ganz knapp vor uns lag. Nur noch zehn weitere Minuten, dann hätten wir ihn wahrscheinlich erreicht. Damit werden wir jetzt wohl leben müssen.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
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