23.01.05 - Chinatown

Man nehme zwei Ameisen - wir nennen sie einmal Regina und Wolfgang - und stecke sie mitten in einen fremden Ameisenhaufen. Diesen Ameisenhaufen verfrachte man in ein überhitztes Dampfbad und mache sämtliche Aromaaufgüsse auf einmal. Zusätzlich bringe man ein Dutzend leiernder Tonbandgeräte in das Bad, schalte alle auf einmal an und lasse sie bei voller Lautstärke laufen.
Klingt nach extremer Tierquälerei. Ist es wahrscheinlich auch, aber genau so fühlen wir uns auf den Night Markets in Chinatown.
Anfang nächsten Monats beginnt nach dem chinesischen Kalender das Neue Jahr. Ein Grund zu feiern, und zwar nicht nur am Neujahrsabend, sondern einen ganzen Monat lang. Bunt geschmückte Straßen, viele, viele kleine und große Verkaufsstände mit Blumen und Wurst und Neujahrskarten und Obst und Fisch und Uhren und Pilzen und Hunderte von Menschen und wir mitten drin. Hier abends zu essen ist nicht nur wahnsinnig günstig, sondern auch wahnsinnig lecker. Man darf nur kein romantisches Candelight-Dinner in lauschiger Athmosphäre erwarten. Stattdessen hat man die Wahl zwischen kaltem Neonlicht, einem lärmendem Fernseher in der Ecke und hektischem Treiben innerhalb oder schwüler Hitze, lärmendem Marktgetümmel und hektischem Treiben außerhalb des Lokals. Aber lecker ist es, ganz ohne Zweifel.
Als wir gestern Abend das erste Mal über den Markt zogen, hatte ich schon nach kurzer Zeit das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Diese ganzen Sinnesreize, die vielen Gerüche, Farben, Geräusche führten zu einer solchen Überflutung, dass ich glaubte, mir würde der Schädel platzen. Kaum waren wir in den Markt eingebogen, hatten wir uns im Grunde auch schon verlaufen und wenn wir keinen Stadtplan zu Hand gehabt hätten, würden wir wahrscheinlich immer noch durch die fünf Sträßchen irren. Heute ging das schon viel besser und ich habe die Athmosphäre sogar genossen. Auch als wir zum dritten Mal am selben Wurstladen vorbei kamen, war ich von der Auswahl erneut so erstaunt, als sähe ich den Laden zum ersten Mal. Wenn Regina mich nicht zurück ins Hostel geführt hätte, würde ich wahrscheinlich immer noch meine Kreise um diesen Wurstladen ziehen und mich am Anblick der vielen kleine Würste erfreuen.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
Du willst dich auch auf die Reise machen? Dann aber nicht ohne die richtige Reisekrankenversicherung.