03.02.05 - Kap der Angst

Graig, der Besitzer des Hostels, in dem wir in Kapstadt schlafen, geht entweder mit seinen zwei riesigen Hunden auf die Straße, oder mit seinem Elektroschocker. Nachts auszugehen, hält er für keine gute Idee. In manchen Gegenden sei dies schlicht verrückt. 'Nehmt immer nur soviel Geld mit, wie ihr unbedingt braucht', mahnt er uns, und die Südafrika-Ausgabe des Lonely Planet gibt den guten Rat, dass man nach Möglichkeit nicht wie ein Tourist aussehen und immer den Anschein erwecken solle, als wüßte man, wohin man wolle. Einkaufscentren werben mit ihrer Sicherheit, die durch eigene Wachmannschaften gewährleistet wird. Geldautomaten werden von Sicherheitspersonal gesichert. 'Benutzt keine Geldautomaten an der Straße', ist ein weiterer Rat von Graig. Doch den wichtigsten aller Ratschläge finden wir im Lonely Planet. Dort heißt es nämlich abschließend, man solle nicht in Hysterie verfallen. So schlimm sei Kapstadt gar nicht. Johannesburg sei viel schlimmer.
Wir haben vor, den Krüger National Park zu besuchen und da dies vielleicht das letzte große Highlight unserer Reise wird, wollen wir es gemeinsam und in vollen Zügen genießen und buchen eine organisierte, mehrtägige Tour. Das wird uns zusammen über 700 Euro kosten - so viel haben wir schon seit langem nicht mehr auf einen Schlag ausgegeben. Wir könnten den Betrag natürlich per Kreditkarte bezahlen, aber dafür würde uns noch eine Extragebühr berechnet. Also entscheiden wir uns spontan für Barzahlung. Zusätzlich brauchen wir noch Bargeld für die Malariatabletten und für die Busfahrt und zum Einkaufen und die nächsten Tage.
Wir gehen zum Geldautomaten.
Noch nie waren uns die Beine so schwer. Nur keine Hysterie, sagen wir uns, und haben trotzdem das Gefühl, von tausend Augen beobachtet zu werden. Der schwarze Wachmann am Eingang der Bank trägt einen Metalldetektor. Wir gehen an ihm vorbei und bauen uns vor dem Geldautomaten auf. 1.000 Euro sind etwa 8.000 Rand. Es dauert eine Ewigkeit, bis die Maschine die Banknoten mit lautem Rattern abgezählt hat. Wahrscheinlich hört man das in ganz Kapstadt. Wir verteilen die Scheine auf unsere Geldbörsen und Hosentaschen und treten wieder ins Freie. Das Geld zerrt schwer an unseren Hosen, die Taschen sind ausgebeult. Wir könnten uns genau so gut große Schilder um den Hals hängen: Achtung - wir haben viel Geld bei uns! Der Rückweg zieht sich ewig hin. Als wir endlich wieder im Hostel sind atmen wir erleichtert auf.
Nur keine Hysterie! Kapstadt ist gar nicht so schlimm. Wir kaufen uns unsere Bustickets Richtung Johannesburg. Die Innenstadt sollte man lieber meiden, rät Lonely Planet.

PS: Wenn wir die nächsten Tage keine Artikel schreiben, liegt dies wahrscheinlich daran, dass wir im Krüger National Park keine Internetstation haben.

© Alle Texte und Bilder: Wolfgang Schürholt
Jede weitere Verwertung bedarf der Rücksprache
Du willst dich auch auf die Reise machen? Dann aber nicht ohne die richtige Reisekrankenversicherung.